Danke liebe Mutter … es fällt mir schwer ohne dich zu leben … nie mehr deine Stimme zu hören … dich nie mehr umarmen zu können….

Ich konnte sie nicht retten.

Nicht mit meinem Bild: ,,Die Kraft steckt in dir. Mach dich auf die Suche! Reise!” und auch nicht mit meiner Liebe. Wie soll man Kräfte mobilisieren, wo kaum noch welche vorhanden sind? Jede der drei Amputationen raubte ihr fast den Verstand und die Schmerzen wurden nicht weniger, sondern steigerten sich ins Unermessliche. Um jedes Schmerzmittel musste man betteln. Die Klingel war nicht immer griffbereit, oder man klingelte und musste endlos warten, bis die Schwester mit einem Schmerzmittel kam. Das Kreuz das sie trug, wurde täglich schwerer, ihre Kräfte hingegen schwanden dahin. Sie konnte den Becher zum Trinken nicht mehr halten. War nicht in der Lage, sich alleine von einer Seite auf die andere zu drehen. Sie konnte nicht mehr sitzen und durch das viele Liegen sammelte sich das Wasser in der Lunge. All ihre Lebensgeister waren verschwunden und trotzdem hatte sie für jeden ein Lächeln übrig.

Es schien, als ob ihre Seele lächelte, als ob  sie alle willkommen heißen wollte, die sie auf ihrem schweren Weg begleiteten.

Sie wusste, sie kann sich voll und ganz auf mich verlassen und mir war klar, ich musste stark für sie sein, ihr Hoffnung geben, ihr Fels in der Brandung sein. Gott hätte dieser Fels sein sollen, aber sie fühlte sich von ihm im Stich gelassen. Wie konnte er, ihr Leiden nur zulassen. Ich sagte ihr:,, Gott kann nichts für dein Leid”, Vielen geht es ähnlich die zuckerkrank sind. Sie schwieg und sagte nichts.

Sie hatte ihrer Krankheit nichts mehr entgegenzusetzen. Ihr Immunsystem war durch die vielen Antibiotika schachmatt gesetzt worden. Man hatte einerseits den Krankenhauskeim erfolgreich bekämpft und durch die Amputation eine Sepsis aufgeschoben, aber zu welchem Preis. Sie musste mit ihrem Leben bezahlen.

Sie wurde zum Sterben nach Hause entlassen.

Aber sie war noch nicht soweit. Zwei Tage lang ging es ihr gut. Am Sonntag konnte sie dann plötzlich nicht mehr schlucken und die Schmerzen waren stärker als je zuvor. Am Montag sollte das Wasser aus der Lunge über den Lungenkatheter abgelassen werden. Da es ihr so schlecht ging, baten wir die Frau, die mich einlernen sollte, sofort zu kommen. Sie kam und danach ging es ihr wieder etwas besser. Mit jedem Wasser ablassen, ging auch ein Teil ihrer Kraft dahin. Ich war froh, meine Geschwister und meine Familie zur Seite zu haben. Froh in diesen Stunden, nicht alleine zu sein. Wir versuchten alle sie abzulenken und erzählten ihr von Früher, aus unserer Kindheit. Ich bat sie um Verzeihung, falls ich sie gekränkt haben sollte. Sie gab mir einen zarten Kuss auf die Wange und flüsterte, dass es nichts zu verzeihen gäbe. Sie konnte kaum sprechen, weil sie so stark dehydriert war. In der Nacht von Sonntag auf Montag rief ich den Krankenwagen, weil ich ihr zu Hause keine Infusion legen und ihre Schmerzen nicht lindern konnte.

Sie kam in ein Sterbezimmer.

Ich blieb die ganze Nacht bei ihr, damit sie nicht alleine war. Tags darauf ging es ihr schon etwas besser und wieder schöpfte ich Hoffnung, dass die Zeit noch nicht reif war, um sie an den Tod zu verlieren. Am Dienstag verschlechterte sich ihr Zustand. Man zog ihr nochmals das Wasser aus der Lunge und danach war sie den ganzen Nachmittag nicht mehr ansprechbar. Sie schlief nur noch. Ihr Körper war wie versteinert, schwer und unbeweglich. Am Mittwoch in der Früh als ich kam, hauchte sie mir ins Ohr:

,,Ich habe es verstanden”.

Auf meine Frage, was sie verstanden habe, sagte sie etwas was ich nicht verstehen konnte, obwohl ich zweimal nachfragte und sie immer was sagte. Ich fragte weiter, ob sie was gesehen hätte. Sie sagte: ,,Ja.” Auf die Frage, was sie gesehen hätte, antwortete sie: ,,Einen Film.” Danach fragte ich nicht mehr weiter, weil das Sprechen sie so sehr anstrengte. An diesem Tag schlief sie keine Sekunde. Sie wimmerte und immer wenn ich sie fragte: ,,Hast du Schmerzen?”, antwortete sie mit: ,,Nein.” Sie sagte:

,,Das ist kein Leben” und ich musste ihr Recht geben.

So wie es war, war es kein Leben mehr. Wir wussten beide, dass es zu Ende ging. Doch ich wollte es nicht wahrhaben und so machte ich noch Scherze und sagte ihr: Morgen Früh wenn die Schwester kommt, sag: ,,Wo bleibt mein Frühstück?” Sie lächelte mich an. Sie bekam schon seit drei Tagen nichts mehr zu Essen, nur noch Flüssigkeit und Schmerzmittel. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hatte sie Fieber.

Sie hatte mich nach ihrer letzten irdischen Nacht sehnsüchtig erwartet.

Ich hielt ihre Hand und streichelte sie sanft. Versuchte sie abzulenken, indem ich sie einlud mit mir Erdbeeren zu essen. Sie erfüllte mir diesen Wunsch und obwohl sie den Kiefer kaum bewegen konnte, aß sie noch zwei Erdbeeren mit mir. Meine Frage ob sie süß wären, beantwortete sie mit ja. Sie war voll da. Ihr Geist war noch da. Ihr leises Wimmern, dass schon den ganzen Vormittag über zu hören war, verstummte.

Sie wurde auf einmal ganz ruhig.

Ich denke, in diesem Moment hatte sie keine Schmerzen mehr. Alle Last viel von ihr ab. Sie konnte loslassen und friedlich gehen. Ihre Hand in meiner Hand – mehr konnte ich nicht für sie tun. Die Tatsache, dass ihr Blick starr wurde und dass darin keine Angst zu sehen und die Atmung ruhig bis zum letzten Atemzug war, macht es mir leichter mit meinem Schmerz umzugehen.

Danke liebe Mutter für jeden einzelnen Augenblick in dem du bei mir warst!

Danke liebe Mutter … Ich werd dich vermissen und bin auch unendlich dankbar. Dankbar, dass du meine Mama warst.

Du hast mir Flügel verliehen, mir alle Freiheiten erlaubt. Du hattest vollstes Vertrauen in mich und fandest alles gut, was ich tat. Du liebtest mich, so wie eine Mutter nur lieben kann und es fällt mir schwer, jetzt ohne diese Liebe zu leben. Ich habe viele, schöne Erinnerungen mit dir. Erinnerungen die dich für mich unsterblich machen. Du wirst immer in meinem Herzen weiter leben. ,,Danke liebe Mutter …Danke, Mutti für alles!”

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